“Wenn es einen Dyson-Schwarm gibt, wo leben dann die Menschen?”

Wir haben die Klimakontrolle gezeigt, den Asteroidenabbau und ein Design, bei dem Spiegel Spiegel herstellen. Die naechste Frage liegt auf der Hand: Wo leben die Menschen also?

Die meisten antworten “Mars”. Jahrzehnte von Science-Fiction haben dieses Bild gepraegt. SpaceX baut Raketen. Mars als zweite Heimat der Menschheit — das gilt fast als Allgemeinwissen.

Doch aus ingenieurtechnischer Sicht hat der Mars als Wohnort fuer die Menschheit fatale Maengel. Und diese Maengel lassen sich nicht durch Technik loesen.


0,38G — eine Zahl, ueber die niemand Bescheid weiss

Die Oberflaechengravitation des Mars betraegt 0,38G. 38% der Erde. “Es gibt doch Schwerkraft, das reicht doch?” — so denkt man leicht, aber die Frage ist: wie viel?

Knochen, Muskeln, das Herz-Kreislauf-System und das Innenohr (Gleichgewichtsorgan) des Menschen haben sich fuer 1G optimiert. Astronauten, die 6 Monate bei 0G auf der ISS verbracht haben, erleiden Knochenschwund, Muskelatrophie und Sehverschlechterung. Dass 0G schaedlich ist, wissen wir.

Und 0,38G?

Die ehrliche Antwort: Niemand weiss es.

  • Die Weltraummedizin-Daten von NASA und ESA umfassen nur zwei Punkte: 0G (ISS) und 1G (Erde)
  • Ob Schwangerschaft, fetale Skelettbildung, Innenohr-Entwicklung und Herz-Kreislauf-Bildung bei 0,38G normal verlaufen, wurde noch nie experimentell untersucht
  • Ob Knochen und Muskeln eines bei 0,38G geborenen und aufgewachsenen Kindes 1G aushalten koennen, ist unbekannt
  • Falls nicht, kann ein auf dem Mars geborener Mensch niemals zur Erde zurueckkehren

Das ist kein technisches Problem. Die Masse des Mars laesst sich nicht aendern. 0,38G ist eine physikalische Konstante des Planeten Mars.

O’Neill-Zylinder: Man waehlt die gewuenschte Schwerkraft

Ein rotierender zylindrischer Koerper — der O’Neill-Zylinder. Durch Anpassung von Rotationsradius und Winkelgeschwindigkeit laesst sich im Inneren per Zentrifugalkraft exakt die gewuenschte Schwerkraft erzeugen.

MarsO’Neill-Zylinder
Schwerkraft0,38G (fest)0,5~1,5G (waehlbar)
1G garantiertunmoeglichdurch Drehzahlanpassung garantiert
Gesundheit ueber Generationenunbekanntgleiche Bedingungen wie auf der Erde
Rueckkehr zur Erdeunsichergarantiert

Beim Mars ist “es gibt Schwerkraft” kein Vorteil — “die Schwerkraft ist unzureichend” ist das Problem. Der O’Neill-Zylinder macht Schwerkraft zu einer Designvariablen.


Energie: Direkt neben dem Dyson-Modul

Wenn man eine Stadt auf dem Mars baut, woher kommt die Energie?

MarsL5 (neben Dyson-Modulen)
Solarfluss589 W/m² (43% der Erde)1.361 W/m² (100%)
Verfuegbare Zeitnur tagsueber (bei Sandstuerme monatelang blockiert)365 Tage, 24 Stunden ununterbrochen
EnergieinfrastrukturKraftwerk von Grund auf errichtendirekte Versorgung durch Dyson-Module

Am L5-Punkt ist das Wohnmodul Teil des Dyson-Modul-Clusters:

Dyson-Modul (370 MW elektrisch)
    |-> Strom -> Lebenserhaltung, Agrarbeleuchtung, Haushaltsstrom
    '-> Waermekaskade
         |-> 100~200°C -> Heizung und Warmwasser im Wohnbereich (kostenlos)
         '-> 30~60°C -> Abwaerme fuer Rechenzentren

Ein Modul liefert 370 MW Strom fuer 3.000 Bewohner. ~120 kW pro Person. Mehr als das Zehnfache des durchschnittlichen Stromverbrauchs in Industrielaendern. Die Energie fuer den Wohnbereich ist nur eine Teilfunktion des Dyson-Moduls — ein separates Kraftwerk ist nicht noetig.

Dieselbe Energieversorgung auf dem Mars? Man muesste riesige Solaranlagen inmitten von Sandstuerme errichten. Und nachts steht alles still.


Industrie: Die Fabrik ist bereits da

Um eine Stadt auf dem Mars zu bauen, muss man zuerst Fabriken errichten. Baumaterialien, Alltagsgueter, Elektronik, medizinische Geraete — alles muss von der Erde geschickt oder auf dem Mars von Grund auf aufgebaut werden.

Die industriellen Bedingungen auf dem Mars:

  • Atmosphaere: 95% CO₂, Druck 0,6% der Erde -> keine Arbeit im Freien ohne Raumanzug
  • Wasser: An den Polkappen vorhanden, aber Extraktion und Aufbereitung erfordern Infrastruktur
  • Rohstoffe: vorhanden, aber Abbau am Boden eines Gravitationsbrunnens -> enorme Kosten fuer den Transport in den Orbit

Die industriellen Bedingungen am L5-Punkt:

  • Der Dyson-Modul-Cluster ist selbst ein Industriepark
  • Schmelzmodul -> Strukturmaterialien, Rohre, Batterien
  • Fab-Modul -> Elektronik, Sensoren, KI-Chips
  • Strukturmodul -> Erweiterungselemente fuer Wohnbereiche
  • Alltagsgueter (Kleidung, Werkzeuge, medizinische Geraete) vor Ort herstellbar

Fuer eine Stadt auf dem Mars muss man zuerst Fabriken bauen. Am L5-Punkt laufen die Fabriken bereits. Ein Wohnmodul hinzuzufuegen gleicht dem Anbauen eines weiteren Raums an eine bestehende Produktionslinie.


Kommunikation: Die Isolation des Mars

Ab hier geht es nicht mehr um technische Unmoegglichkeit, sondern um Lebensqualitaet. Doch wenn es um den Wohnort einer Zivilisation geht, darf die Lebensqualitaet nicht fehlen.

MarsL5 (SEL5)
Kommunikationsverzoegerung zur Erde4 bis 24 Minuten (einfach, je nach Position)~8 Minuten 20 Sekunden (einfach, konstant)
Kommunikationsausfallwaehrend Konjunktion ~2 Wochen voelliger Ausfallkeiner
Echtzeitgespraechunmoeglich (Hin-Rueck 8~48 Min.)unmoeglich (Hin-Rueck ~17 Min.)

Beides erlaubt kein Echtzeitgespraech. Aber der Mars hat Perioden, in denen er voellig von der Erde abgeschnitten ist. L5 nicht.

Und der entscheidende Unterschied: Der Wohn-Hub von L5 kann statt an SEL5 auch an EML4/5 platziert werden.

EML4/5 Wohn-Hub
  |-> Kommunikation zur Erde: Hin-Rueck ~2,6 Sekunden (Echtzeit-Videotelefonie moeglich!)
  |-> Pendelverkehr im Schichtbetrieb zum SEL5-Industriepark
  '-> 2~3 Tage zum Mond (Logistik / Tourismus)

Bei 2,6 Sekunden Hin-Rueck von EML4/5 zur Erde kann man telefonieren. Ein Vergleich mit dem Mars eruebrigt sich.


Rueckkehr: Mars ist praktisch eine Einbahnstrasse

Um vom Mars zur Erde zurueckzukehren:

  • Mars-Oberflaeche -> Mars-Orbit: Δv ~3,8 km/s
  • Mars-Orbit -> Erd-Orbit: Δv ~2 km/s oder mehr
  • Gesamt-Δv ~5,7 km/s + 9 Monate Flugzeit
  • Startfenster: alle 26 Monate

Wirtschaftlich und psychologisch ist die Mars-Migration eine Einbahnstrasse. “Man kann jederzeit zurueck” stimmt nur theoretisch — praktisch ist es nahezu unmoeglich.

L5 -> Erde:

  • Vom EML-Wohn-Hub zum Erd-Orbit: Δv unter ~1 km/s
  • Logistik-Infrastruktur (Schlepper, Shuttle) bereits vorhanden
  • Regulaerer Shuttle-Betrieb moeglich

Zum Mars zu gehen bedeutet “Auswanderung”. Zum L5-Punkt zu gehen bedeutet “Dienstreise” oder “Umzug”. Ob man zurueckkehren kann oder nicht — das ist ein grundlegender Unterschied bei der Wahl des Wohnorts.


Die Illusion des Terraforming

“Kann man den Mars nicht einfach terraformen?”

Die Realitaet des Terraforming:

  • Zeitrahmen: Hunderte bis Tausende von Jahren. Selbst optimistische Schaetzungen sprechen von mindestens mehreren Jahrhunderten
  • Atmosphaerenerhalt: Der Mars hat kein erdaehnliches Magnetfeld. Der Sonnenwind traegt die Atmosphaere kontinuierlich ab. Selbst wenn man eine Atmosphaere schafft, ist unklar, wie man sie halten kann
  • Schwerkraft: Auch mit Atmosphaere bleibt 0,38G unveraendert. Selbst wenn die Atmosphaere so dicht wie die der Erde wird, bleibt das Gravitationsproblem bestehen

O’Neill-Zylinder dagegen:

  • Sofort nach Fertigstellung 1 atm, 1G
  • Im Inneren koennen Berge, Fluesse und Himmel gestaltet werden (Innenlandschaftsdesign)
  • Jedes gewuenschte Oekosystem sofort realisierbar
  • Kein Warten auf Terraforming noetig

Waehrend man Jahrhunderte auf das Terraforming wartet, leben im O’Neill-Zylinder bereits Menschen.


“Trotzdem will ich auf einem Planeten leben”

Rein ingenieurtechnische Argumente ueberzeugen nicht jeden. Das psychologische Sicherheitsgefuehl, einen Planeten unter den Fuessen zu haben. Himmel und Horizont vor dem Fenster. Das sei zugestanden.

Aber einige Punkte seien angemerkt:

“Der Mars ist reich an Ressourcen” — Asteroiden sind besser zugaenglich. Der Mars liegt am Boden eines Gravitationsbrunnens; abgebaute Ressourcen in den Orbit zu bringen, kostet enorme Energie. Asteroiden haben fast keine Schwerkraft — man braucht sie nur einzusammeln.

“O’Neill-Zylinder sind zu klein” — Man erhoehe einfach die Modulanzahl. Bei 10.000 Modulen: 30 Millionen Einwohner. Selbstreplikation waechst exponentiell, sodass die L5-Bevoelkerung die des Mars laengst uebertrifft, bevor das Terraforming abgeschlossen ist.

“Psychologisch braucht man einen Planeten” — Im O’Neill-Zylinder lassen sich Berge, Fluesse und Wolken erschaffen. Bei einem Radius von mehreren Kilometern gibt es auch einen Himmel. Ob der Blick aus dem Fenster auf die rote Wueste des Mars faellt oder auf die gestaltete Natur eines O’Neill-Zylinders — das mag Geschmackssache sein, aber der ingenieurtechnische Vergleich ist eindeutig.

“SpaceX investiert bereits” — Mars-Erkundung und Mars-Besiedlung sind verschiedene Dinge. Eine Forschungsstation ist wie die Antarktis-Station Jang Bogo. Niemand schlaegt vor, dort eine Zivilisation zu gruenden. Forschungsstation ≠ Wohnort einer Zivilisation.


Zusammenfassung in einem Satz

Ob ein Kind unter 0,38G auf dem Mars normal aufwachsen kann, weiss niemand. Ein O’Neill-Zylinder garantiert 1G. Energie kommt direkt vom Dyson-Modul, die Fabriken laufen bereits, und man kann mit der Erde telefonieren. Mars ist romantisch, L5 ist ingenieurtechnisch.

Selfie des NASA-Marsrovers Perseverance. Photo: NASA/JPL-Caltech/MSSS